ELTERNSCHAFT & WISSENSCHAFT freut sich, Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. Ardeshir Mahdavi als neues Mitglied im Advisory Board begrüßen zu dürfen. Mit Prof. Mahdavi gewinnt das Netzwerk eine international profilierte Stimme aus Bauphysik, Bauökologie und Humanökologie – und damit Expertise in einem Feld, das für Fragen kindgerechten Aufwachsens von großer Bedeutung ist, in Debatten über Kinder und Elternschaft aber oft noch zu wenig mitgedacht wird: die Qualität der realen Lebensumwelten, in denen Kinder und Eltern ihren Alltag verbringen.
Vor seinem Wechsel an die TU Graz leitete Ardeshir Mahdavi an der TU Wien das Department of Building Physics and Building Ecology sowie das Graduate Studies Program in Building Science and Technology; zudem war er dort Leiter des Instituts für Architekturwissenschaften. Zuvor war er Full Tenured Professor of Architecture and Building Physics an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh. Seine Laufbahn verbindet internationale Spitzenforschung mit langjähriger Erfahrung an der Schnittstelle von Gebäude, Umwelt, Alltag und menschlichen Bedürfnissen.
Ein wesentlicher Strang seiner Forschung richtet sich seit Jahren gegen reduktionistische Modelle von Gebäudenutzenden. Mahdavi arbeitet daran, Menschen in der Gebäudeforschung nicht bloß als technische Randgröße zu behandeln, sondern als reale Bewohnerinnen und Bewohner mit Anwesenheit, Bedürfnissen, Wahrnehmungen, Bewertungen und Handlungen. Neuere peer-reviewte Arbeiten von ihm befassen sich entsprechend mit der Repräsentation von inhabitants in building performance computing, mit der Rolle von occupants im sogenannten energy performance gap sowie mit der Bedeutung von Nutzerkontrolle und Innenraumqualität für gute Gebäude.
Für ELTERNSCHAFT & WISSENSCHAFT ist diese Perspektive besonders wertvoll. Das Netzwerk versteht Kinder und Eltern nicht als Randthema, sondern als eine der zentralen Achsen menschlicher Entwicklung, sozialer Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Zukunft. Kinder brauchen Schutz, verlässliche Beziehungen und angemessene Entwicklungsräume; Eltern brauchen tragfähige Rahmenbedingungen, die Sorgearbeit und tiefe Beziehungen zu Kindern ermöglichen. Gute Bedingungen des Aufwachsens sind deshalb immer auch räumliche, ökologische und alltagspraktische Bedingungen: Luft, Licht, Temperatur, Akustik, Rückzugsräume, Schlafbedingungen, Nutzbarkeit und Verlässlichkeit.
Wichtig ist dabei, von guten Lebensumwelten bewusst im Plural zu sprechen. Kindgerechtes Aufwachsen ist nicht an die Vorstellung eines einzigen, exklusiven Zuhauses gebunden. Kinder können in mehreren Lebensumwelten gut aufwachsen – etwa zwischen Stadtwohnung und Ferienhaus oder, nach einer Trennung der Eltern, in zwei Haushalten. Die neuere Forschung stützt die ältere Vorstellung immer weniger, dass Stabilität nur an einen einzigen Wohnort gebunden sei. Eine systematische Übersichtsarbeit über 39 Studien zeigte, dass Kinder in geteilter Betreuung in 75 Prozent der Studien gleich gute Ergebnisse wie Kinder in Kernfamilien und günstigere Ergebnisse als Kinder in stark einseitigen Betreuungsarrangements aufwiesen. Weitere neuere Studien zeigen, dass annähernd paritätische Betreuungsmodelle im Vergleich zu stärker einseitigen Arrangements häufig mit günstigeren oder zumindest nicht schlechteren mentalen Gesundheitswerten verbunden sind.
Was Kinder brauchen, ist damit nicht die symbolische Festlegung auf nur ein Zuhause, sondern stabile, kontinuierliche, umfangreiche und fürsorgliche Beziehungen zu beiden Eltern – sowie Umwelten, die ihre Bedürfnisse tatsächlich tragen. Die Evidenz weist hier oft in Richtung geteilter oder annähernd paritätischer Betreuungsarrangements, sofern die Beziehungen verlässlich bleiben und die konkreten Lebenslagen der Kinder mitgedacht werden; auch quasi-experimentelle Evidenz zu Regelungen gleichwertiger Betreuungszeit zeigt positive Effekte auf Vater-Kind-Beziehungen und auf Risikoverhalten Jugendlicher. Gerade deshalb ist Mahdavis Expertise für das Advisory Board so wichtig: Wenn Kinder in mehreren Lebensumwelten leben, dann kommt es umso mehr darauf an, dass jede dieser Umwelten gesund, tragfähig, kindgerecht und alltagstauglich gestaltet ist.
Mit Prof. Ardeshir Mahdavi gewinnt ELTERNSCHAFT & WISSENSCHAFT eine international profilierte Stimme aus Bauphysik, Bauökologie und Humanökologie. Seine Forschung hilft, Kinder und Eltern auch als reale Bewohnerinnen und Bewohner realer Lebensumwelten ernst zu nehmen – mit Bedürfnissen, Wahrnehmungen, Routinen und einem Anspruch auf Umgebungen, die Entwicklung, Gesundheit, Beziehung und Alltag gleichermaßen tragen.
Wir freuen uns sehr auf die Zusammenarbeit und auf die Perspektiven, die Ardeshir Mahdavi in die weitere Entwicklung des Netzwerks einbringen wird.